Gesegnete Weihnachten: Gott wird Mensch

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Weihnachtspredigt von Pfr. Stephan Eschenbacher

Liebe Schwestern und Brüder!

Warum haben wir uns heute in dieser Kirche versammelt? Um den Geburtstag eines Kindes zu feiern, das vor 2000 Jahren geboren wurde? Nein! Wir haben uns versammelt, weil die Geschichte, die um die Geburt dieses Kindes erzählt wird, uns heute noch berührt und angeht.

Denn das, was hier geschildert wird und was wir im Evangelium hören – es greift unsere Ängste und Sorgen, unsere Unsicherheiten und Begrenztheiten, aber auch unsere Wünsche, Träume und Sehnsüchte auf.

Betlehem, so könnte man sagen, hat nicht nur vor 2000 Jahren Weltgeschichte geschrieben, Betlehem ist überall – zu jeder Zeit.

Da zieht ein junges Paar, Maria und Josef, hinauf nach Betlehem in die Geburststadt des Josef und steht so für alle Menschen, die auch heute auf der Suche sind nach ihren Wurzeln und ihrer Herkunft.

Da ist diese Paar unterwegs und sucht einen Ort, wo sie bleiben können und steht somit für alle, die auch heute auf der Suche sind nach ihrem Platz in der Gesellschaft, im Betrieb, in der Familie, in ihrem Leben.

Da wird dieses Paar in den Unterkünften abgewiesen und steht für alle, die auf der Flucht sind, die keine Heimat haben, aber auch für die, die sich abgewiesen und nicht ernst genommen fühlen – von wem auch immer.

Da muss sich dieses Paar einer Macht beugen, die alle Bürger zählt und steht für all diejenigen – ungeahnt aktuell – die sich auch heute durchleuchtet, gezählt und beobachtet fühlen.

Da spielt die Weihnachtsgeschichte in einer Gegend, die sich damals wie heute nach Frieden und Versöhnung sehnt.

Da sind Hirte auf freiem Feld bei ihrer Nachtwache und sie stehen für alle, die Dunkelheit und durchwachte Nächte aus Angst und Sorgen kennen, die wissen, wie es ist, wenn die Nacht lange über einen hinwegzieht. Wir sehen: Betlehem ist überall – zu jeder Zeit.

Wir erzählen uns diese Geschichte von Weihnachten aber nicht nur, weil sie unsere Sorgen, Fragen und Ängste aufgreift, sondern auch, weil sie Hoffnung in sich birgt. Und die Hoffnung, von der hier gesprochen wird, ist ein kleines Kind. „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht. Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf… Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt“, so hieß es in der Lesung. Ein Kind ist immer Hoffnung für die Welt, aber dieses Jesuskind besonders. Warum?

Weil das Jesuskind das in sich vereint, was diese Welt nötig hat. Dieses Kind ist zugleich Gott und Mensch. Und das, was diese Welt notwendig braucht, ist Gottes Geist und Menschlichkeit; es ist notwendig, weil nur dadurch die Not der Welt gewendet wird. Deshalb die Worte der Engel: „Euch ist heute in der Stadt Davids der Retter geboren.“

In diesem Kind, das in der Weihnachtsnacht zur Welt kommt, wird Gott Mensch, kommt Gott uns Menschen ganz nahe. Und Gott will uns damit verdeutlichen, dass er uns in den Nächten unseres Lebens besonders nahe sein will. Er will uns Kraft geben, Halt, Zuversicht und Hoffnung, wenn es um uns dunkel wird. Sogar die Nacht des Todes hat dieses Kind besiegt; eine große Hoffnung für uns alle.

Dieses Kind, das in jener Nacht zur Welt gekommen ist, ist aber nicht nur Gott, sondern es ist gleichzeitig Mensch. Es ist ein menschlicher Schrei, mit dem es das Licht der Welt erblickt. So will Gott uns zeigen, wodurch diese Welt noch gerettet wird: durch Menschlichkeit. Gott ist nicht Mensch geworden, dass wir uns wie Götter aufspielen; Gott ist Mensch geworden, damit wir uns an unsere Menschlichkeit erinnern, daran, dass wir uns mit Respekt auf Augenhöhe begegnen, dass wir verzeihen und Frieden stiften.

Doch all das ist kein Selbstläufer. Wir müssen es wollen. Wir müssen uns, wie die Hirten, auf den Weg machen, selbst zur Krippe laufen. Wir müssen es wollen, Gott zu entdecken in unserem Leben und vor allem in uns selbst. Denn ER ist schon längst in uns geboren, in unseren Herzen. Wie die Hirten, so müssen wir IHN entdecken wollen in unserer Mitte als unseren Retter, unseren Herrn. Und wir müssen uns aufmachen, Menschlichkeit leben zu wollen. Das Kind später, Jesus, der Erwachsene hilft uns dabei, wenn wir uns ihn als Vorbild nehmen.

„Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren“, das Jesuskind, weil es in sich das verbindet, was diese Welt braucht: Gottes Geist und Menschlichkeit. Als die Engel die Hirten verlassen hatten, sagten die zueinander: Auf, wir gehen nach Betlehem. Dies ist der weihnachtliche Impuls an uns. Auf wir gehen nach Betlehem, wir machen uns auf die Suche nach Gottes Kraft und Gottes Geist in uns und danach, wie wir Menschlichkeit leben können. Denn Betlehem ist überall – besonders in dir und mir.

 

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