1. Advent: Lichtblicke in chaotischen Zeiten

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Ausgehend von den biblischen Texten des Tages erscheint an jedem Sonntag in der Adventszeit hier ein geistlicher Impuls.

Jesus sprach zu seinen Jüngern: In jenen Tagen, nach jener Drangsal, wird die Sonne sich verfinstern und der Mond wird nich mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. (Mk 13,24-25)

Jedes Jahr hören wir im Gottesdienst in der Adventszeit, also am Ende des Jahres, vom „Ende der Welt“. Früher habe ich immer gedacht: Was soll das. In diesem Jahr höre ich die Texte anders. Ich will keine Endzeitstimmung verbreiten, das tun genug andere… aber dennoch treffen diese Aussagen in gewisser Weise den Puls der Zeit – zumindest meinen Puls, meinen Lebensrhythmus. Durch die Corona Pandemie hat sich ein lähmender Nebel über mein Leben gelegt – meine Lebenssonne hat sich zumindest zum Teil verfinstert. Meine adventlichen Wünsche und Sehnsüchte, besonders nach Nähe und Gemeindschaft, werden sich in diesem Jahr nur rudimentär erfüllen – Sterne (sie stehen für Sehnsüchte) werden vom Himmel fallen. Und die Kräfte, die unsere Gesellschaft im innersten Zusammehalten, scheinen erschüttert vor einer lauten und spalterischen (Noch-) Minderheit.

Die biblischen Texte, so bedrohlich sie im ersten Moment klingen, wollen aber eigentlich Hoffungstexte sein. Und so suche ich nach Lichtblinken in ihnen… und werde fündig.

Ich danke meinem Gott jederzeit für die Gnade, die euch in Christus geschenkt wurde. (1 Kor 1,4)

Die Lesung des Sonntags macht mich darauf aufmerksam, wieviel „Gnade“ mir geschenkt ist. „Gnade“, ein alter Begriff, aber er passt. Ich bin tatsächlich mit so vielem beschenkt in diesen Tagen, was nicht selbstverständlich ist: eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, Freiheit und Demokratie, ein politisches System mit seinen Verantowrtlichen, das im Großen und Ganzen gut funktioniert und das Wohl der Menschen im Blick hat. Aber ich bin auch beschenkt mit meinen inneren Ressourcen und Stärken, die mich schon durch manche Krisen des Lebens gebracht haben. Ich bin beschenkt mit Menschen, die es gut mit mir meinen und vielem mehr. Was für eine Gnade – ein echter Lichtblick.

Dann wird man den Menschensohn kommen sehen mit großer Kraft und Herrlichkeit. (Mk 13,26)

Das Evangelium macht mir deutlich, dass der Menschensohn Jesus Christus mir stets im Chaos meines Lebens entgegenkommt. Weil er der Menschen-sohn ist, versteht er meine menschliche Not und meine Ängste. Gleichzeitig erinnert es mich daran, was wir unserer oft menschengemachten Not entgegenstellen müssen: Menschlichkeit. Sie erst schafft Frieden und Gerechtigkeit; sie erst hilft auch jetzt diese Zeit zu überstehen, nicht lautes Geplärre und aggressives Getöse und Getue. Gott ist im Menschensohn Mensch geworden, damit die Welt menschlicher wird. Das ist sein Lichtblick für uns.

Und das sind die Lichtpunkte, nach denen ich in dieser ersten Adventswoche Ausschau halten möchte: Die vielen „Gnaden“, die mir geschenkt sind (und werden) und die Menschlichkeit, die ich erfahre und die ich leben kann. Mindestens zwei Lichtblicke in chaotischen Zeiten.