Kirche am Abgrund? Keineswegs nur eine Sonntagspredigt zur Krise der Kirche von Pfr. Stephan Eschenbacher

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Die Predigt orientiert sich an den Texten des 4. Sonntags im Kirchen (Lesejahr C):
Lesung: 1 Korinther 12,31 – 13,13
Evangelium: Lukas 4,21-30.

Liebe Schwestern und Brüder!

Am Ende des heutigen Evangeliums haben wir gehört, wie der Besuch Jesu in der Synagoge seines Heimatortes eine solche Dynamik erfährt, dass er plötzich am Abgrund steht. Das tut unsere Kirche im Moment auch – sie steht am Abgrund. Doch im Gegensatz zu Jesus, hat sie das größtenteils selbst verschuldet. Ich habe lange überlegt, ob ich in der Predigt heute etwas über die Krise der Kirche sagen soll. Ich habe lange geschwankt zwischen: „Erwarten Sie, etwas zu hören“ oder „können Sie es nicht mehr hören.“ Letztlich haben mich und unser Pastoralteam die Ereignisse der letzten Wochen, vor allem die Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens und die Initiative „out in church“, so umgetrieben, dass wir davon ausgehen, dass es Ihnen genauso geht. Dann muss auch etwas dazu gesagt werden.

In den letzten Tagen wurde ich öfters gefragt: Was empfinden Sie angesichts der Krise der Kirche und der Veröffentlichungen in den letzten Tagen? Drei Gefühle drängen sich mir auf: Scham, Ärger, Unsicherheit.

Ich fühle als erstes Scham gegenüber den Opfern des Missbrauchs und schäme mich für meine Kirche, in der das alles möglich war und vielleicht noch ist. Ich empfinde auch Scham gegenüber queeren Personen, die sich lange Zeit in unserer Kirche wegen ihrer sexuellen Orientierung verstecken mussten, Angst hatten, „aufzufliegen“ oder ausgegrenzt wurden und werden. Gleichzeitig habe ich großen Respekt vor denjenigen, die sich nun geoutet haben.

Mein Ärger richtet sich gegen die Verantwortlichen in der Kirche, die gemeint haben, sie müssten die Täter oder die Organisation schützen und nicht die Opfer. Mein Hauptärger aber richtet sich im Moment gegen diejenigen Verantwortlichen, die sich immer noch herumwinden und keine klaren Schuldbekenntnisse aussprechen wollen, bzw. sich gegen notwendige Reformen sperren. In diesem Zusammenhang muss ich leider auch den emeritierten Papst Benedikt, Joseph Ratzinger, nennen. Die Aussage, dass er doch an der Ordinariatssitzung vom 15. Januar 1980 teilgenommen hat und dass seine erste Leugnung ein „Versehen bei der redaktionellen Bearbeitung seiner Stellungnahme sei“, macht mich sprachlos; ich fühle mich für dumm verkauft.

Drittens spüre ich eine große Unsicherheit. Ich frage mich: Was bedeutet mir diese Kirche (noch). Was ist meine Rolle in dieser Kirche? Inwiefern bin ich auch mitverantwortlich als Priester, als Hauptamtlicher Mitarbeiter dieser Kirche? Es ist ja einfach zu sagen: „die da oben haben es verbockt“. Aber schließlich bin auch ich Teil des Systems Kirche. Das alles treibt mich um und nicht nur mich, sondern auch unsere Pastoralteam und viele andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche in den unterschiedlichsten Berufsgruppen. Das weiß ich aus vielen Gesprächen. Diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, kommen allesamt an ihre Grenzen und sehen sich mit diesen Fragen genauso konfrontiert wie ich: Wie lange können wir das noch durchhalten? Kurz: uns als kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geht es genauso, wie wahrscheinlich vielen von ihnen.

In der vergangenen Woche habe ich nicht nur ein Statement an die Redaktion der Mainpost abgegeben, sondern auch ein Interview geführt mit Radio Primaton. Da war interessanterweise die Fragestellung: Was sagen Sie Menschen, die darüber nachdenken, auszutreten, warum es sich lohnt, in der Kirche zu bleiben. Ich habe tatsächlich selbst einen Moment überlegen müssen, was ich dazu sage.

Da es sich hier um eine Predigt handelt, also um die Auslegung der Texte des Sonntags, möchte ich mich bei meiner Antwort auch auf die Lesung und das Evangelium heute beziehen.

Die beiden Texte sind ja grundverschieden. Im Evangelium erleben wir, wie eine Gemeinde sich spaltet und dann letztlich einer, in dem Falls Jesus, ausgeschlossen wird. Der Hass steigert sich so weit, dass man ihm sogar androht, dass er getötet wird. Ist das nicht ein Mechanismus, den wir auch heute immer wieder erleben? Eine Gesellschaft, die droht, auseinander zu driften, das Gift von Hass und Hetze, das sich immer mehr ausbreitet? Man ist nicht mehr fähig und willens, ruhig und sachlich miteinander zu reden?

Und dem gegenüber die Lesung, das sogenannte „Hohelied der Liebe“ des Apostels Paulus. Das zeigt doch: Wir haben mit unserem Glauben den negativen und destruktiven Tendenzen unserer Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Dieser Text des Apostels Paulus fasst alles zusammen, was unseren Glauben ausmacht: Es ist der Glaube an einen Gott der Liebe, es ist der Anspruch für uns als Christen, dass wir uns in unserem Denken, Reden und Handeln an Gott, also an der Liebe orientieren, so wie es Paulus schreibt. Und es ist die Hoffnung, dass wir Gott einmal „von Angesicht zu Angesicht“ schauen werden, dass sich also unser Leben einmal in der Liebe Gottes vollenden wird. All diese großartigen Basics unseres Glaubens finden sich in diesem Text wieder.

Und ich möchte diesen großartigen Glauben auch weiterhin zusammen mit einer Gemeinschaft leben und feiern – zu allererst mit der Gemeinde hier vor Ort, weil sie mir im Moment am nächsten ist. Deshalb bin und bleibe ich in dieser Kirche. Und das ist auch mein Hauptaugenmerk. Ich möchte nicht, dass dieser Text nur noch bei Hochzeitsfeierlichkeiten vorgelesen wird, sondern ich möchte zusammen mit Menschen versuchen, das zu glauben, mich daran zu orientieren; kurz: ich möchte ihn gemeinsam mit anderen leben und damit dafür sorgen, dass er einen Ort bekommt und in Erinnerung bleibt.

Es schwingt dabei auch der Respekt mit vor der Tradition unserer Pfarreien, vor unseren Vorfahren, die ihren Glauben gelebt haben, vor den vielen Ehrenamtlichen, die sich heute aufopferungsvoll engagieren, vor den Menschen, die im Glauben Halt und Trost fanden und finden und vieles mehr, was unseren Glauben und seine Geschichte ausmacht.

All das ist auch Kirche und hält mich in der Kirche. Alls das ist für mich so wertvoll, dass ich es nicht aufgeben möchte. Ich weiß nicht, ob und inwiefern ich die große Kirchenpolitik beeinflussen kann und ich weiß auch nicht, wohin die Reise für die Kirche geht. Aber der Gedanke an die freimachende und frohe Botschaft, dass Gott in erster Linie Liebe und Leben ist und der Gedanke an die konkrete Gemeinde vor Ort, die das zusammen mit mir glauben, leben und feiern möchte, gibt mir Kraft und Motivation, dranzubleiben und weiterzumachen.

Am Ende des Gottesdienstes werden wir den Blasiussegen empfangen. Das ist kein kirchlicher Hokuspokus gegen Halsschmerzen. Im letzten werden wir durch diese Geste (zwei an der Osterkerze entzündete Kerzen werden in kreuzform vor einen hingehalten und der Segen Gottes wird dabei zugesprochen) daran erinnert, dass wir gesegnet sind vom göttlichen Licht, das in uns und um uns herum leuchtet. „Erleuchtete“ nannten sich die ersten Christen um Paulus. „Erleuchtete“ sind wir alle – ohne Unterschied. Das göttliche Licht ist es, das uns den Weg weist und selbstbewusst dürfen wir diesen Weg als erleuchtete Gemeinde gehen, und zwar den Weg, den Jesus uns gezeigt und vorgelebt hat. Ich glaube, dass nur die Rückbesinnung auf Jesus und seine Botschaft uns – wie ihn selbst in Nazareth – vor dem Abgrund bewahren wird.

2 KOMMENTARE

  1. Ja, die kath. Kirche -aber nicht nur sie- steht am selbst verschuldeten Abgrund. Die jahrzentelangen Missetaten der geweihten Personen unter dem „Deckmantel“ der Kirche, der Bischöfe und Generalvikare macht auch mich zornig und wütend. Es fehlt das Eingeständnis von Schuld, von Reue und Umkehr sowie -soweit das überhaupt möglich ist- die Wiedergutmachung an den Opfern des Mißbrauchs. Andererseits hat Jesus selbst der Ehebrecherin vergeben: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ und „Gehe hin und sündige fortan nicht mehr“ (Joh 8, 7.11).
    An einen Austritt aus der Kirche Jesu Christi habe ich nicht im geringsten gedacht, das ändert ja überhaupt nichts an der schlimmen Situation. Im Gegenteil, ich bin sehr gerne ein Glied dieser Gemeinschaft aus sündigen Menschen, die immer wieder der Umkehr bedürfen. „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1, 15).

  2. Möchte mich herzlich bedanken für diese inspirierende Predigt!
    Klar und deutlich wurde die momentane Situation unserer Kirche geschildert.
    Und dann auch die Gründe, trotz aller Widrigkeiten in dieser Kirche zu bleiben.
    Auch ich fühle mich hier beheimatet und brauche die Gemeinschaft mit Jesus. Und wir alle brauchen auch die Gemeinschaft miteinander, um uns gegenseitig Halt zu geben und zu stärken.
    Wünsche uns allen einen guten weiteren Weg!