Lumen Christi – deo gratias – Gesegnete Ostern

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Predigt von Pfr. Stephan Eschenbacher in der Osternacht.

Liebe Schwestern und Brüder!

3 Frauen gehen an jenem Ostermorgen früh ans Grab Jesu. Es ist dunkel und Fragen gehen ihnen durch den Kopf: „Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?“ Dass die Sonne bereits aufgeht, nehmen sie nicht wahr. Sie sind noch in der Dunkelheit der Trauer und des Abschied-Nehmens verfangen; ihre Fragen und Zweifel beschäftigen sie zu sehr. Sie wollen den Tod einbalsamieren, haltbar machen. Am Grab angekommen läuft jedoch alles anders, als gedacht. Der Stein ist weg, das Grab ist leer. Die Frauen sind erschrocken. Eine Lichtgestalt erscheint ihnen, die sagt: „Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden!“ Die Frauen haben den Tod gesucht, und finden das Leben – begreifen können sie es nocht nicht.

Den Weg der Frauen haben wir im Grunde heute Morgen nachvollzogen. Auch wir haben uns auf den Weg gemacht in der Dunkelheit hierher zur Kirche. Die Dunkelheit bei den Frauen damals und unsere heute ist symbolisch zu verstehen: sie steht für die Nächte unseres Lebens. Wie oft ist es in unserem Leben dunkel um uns herum, weil wir Angst und Sorgen haben, weil wir trauern, wie die Frauen, weil wir nicht ein noch aus wissen. „Wer wälzt uns den Stein vom Eingang des Grabes“, so fragen die Frauen. „Woran habe ich schwer zu tragen“, fragen ich mich. Was belastet mich, was liegt mir schwer im Magen? Welche Verletzungen trage ich mit mir herum, welche Leichen habe ich im Keller liegen – schön verschlossen, aber dennoch: sie sind da. Auch ich habe Fragen an das Leben und was danach wohl kommen wird.

Eine Lichtgestalt schreckt die Frauen aus ihrer Lethargie und Depression auf: „Ihr sucht Jesus… er ist auferstanden.“ Auch wir sind heute Morgen mit dem Licht in Berührung gekommen. Die Osterkerze wurde in die Kirche getragen mit dem Ruf: „Lumen Christi“. Und dann haben wir das Licht Christi empfangen, als es durch die Reihen ging. Es war nicht das erste Mal, dass für uns eine Kerze an der Osterkerze entzündet wurde. Bereits bei unserer Taufe ist dies schon geschehen. Unsere Taufkerze wurde an der Osterkerze entzündet. Und genau daran erinnert die Kerze, die wir heute Morgen dabei haben. Sie hat in erster Linie keinen praktischen Sinn, dass wir die Texte und Lieder besser sehen und wir sie ausblasen könnten, sobald es hell genug ist. Dafür haben wir die Kerze nicht dabei – nein: die Kerze, die wir vor uns haben ist in erster Linie ein Symbol, eine Erinnerung. Sie will uns an unsere Taufkerze erinnern und daran, dass uns am Anfang unseres Lebens ein Licht geschenkt wurde, ein göttliches Licht. Deshalb werden wir sie nachher, bei der Tauferinnerung in den Händen halten.

Ich werde manchmal gefragt: „Was bringt dir dein Glaube eigentlich?“ Die Frage ist an sich schwierig, weil sie nach einem Zweck, einer Absicht fragt, was eigentlich zweckfrei ist oder sein sollte. Gott hat es beileibe nicht verdient und schon gar nicht nötig, dass unser Glaube sich mit einem Zweck verbindet. Genauso wie ja auch keiner nach dem Zweck der Liebe fragt. Aber wenn ich mich dennoch auf diese Frage einlasse: „Wozu glaubst du? Was bringt dir dein Glaube?“ dann komme ich immer mehr zu einer einzigen Antwort: Der Glaube bringt mir – ein Licht. Nicht mehr und nicht weniger. Als gläubiger Mensch ist mein Leben nicht besser oder schlechter als das von anderen. Meine Lebenswünsche werden nicht mehr oder weniger erfüllt als die von anderen (Gott ist schließlich kein Wunschonkel). Ich werde nicht mehr oder weniger von Schicksalsschlägen getroffen wie andere. Ich habe Fragen ans Leben und viele bleiben unbeantwortet, wie bei anderen auch.

Was mich von denjenigen unterscheidet, die nicht glauben, ist, dass mir zugesagt worden ist, dass ich ein göttliches Licht in mir trage. Die Taufkerze steht ja nur symbolisch für das göttliche Licht, für den Funken Gottes, der in mir brennt.

Mancher wird vielleicht sagen: Das ist nicht viel – ich sage: für mich ist das sehr viel. Dieser göttliche Funke zeigt mir die Richtung im Leben; es ist Jesus, „Lumen Christi“, an den ich mich orientieren kann und der mir in seinem Reden und Handeln zeigt, wie Leben gelingen kann.

Dieser göttliche Funke gibt mir Wärme und Kraft in schwierigen Zeiten, weil er mir sagt: Gott ist für mich da. ER verlässt mich nicht. Ja, in Zeiten der Dunkelheit, der Finsternis brauche ich besonders dieses Licht. Und wenn es hell ist, schön in meinem Leben… dann kommt es darauf an, dass ich diese Flamme in mir nicht ausgehen lasse,sondern am Brennen halte.

Und schließlich ist dieser göttliche Funke in mir für mich so wichtig, weil er mir genau die Hoffnung schenkt, die wir heute feiern: Auferstehung. Ich bin davon überzeugt: Das kleine, göttliche Licht in mir wird mich einst führen in das ewige, große Licht, das mir verheißen ist. Garant dafür ist die Auferstehung Jesu – Ostern.

Die Osterbotschaft nach dem Evangelisten Markus, die wir in diesem Jahr gehört haben, ist erstaunlich. Denn Jesus erscheint hier gar nicht, sondern eben nur die bereits erwähnte Lichtgestalt. Und der Schluss ist offen. Ein offener Schluss wird immer dann eingesetzt, wenn die Zuhörerinnen und Zuhörer in das Geschehen mit hineingenommen werden sollen. Einer der letzten Sätze heißt: „Er (also Jesus) geht euch voraus nach Galiläa“. Galiläa steht für den Alltag, für das Tagesgeschäft der Jünger. Als wir vorhin in die Kirche eingezogen sind, ist die Osterkerze vorausgegangen. Um dieses Bild geht es. Das Feuer des Glaubens, der göttliche Funke, der uns von Anfang unseres Lebens an geschenkt und hier drinnen eingepflanzt ist, er begleitet uns in den Alltag, in unser Galiläa. An diesem Morgen ist er vielleicht wieder ein bisschen heller geworden, weil mir deutlich wurde, was der Glaube mir großartiges schenkt: „Lumen Christi“ – ein Licht – „deo gratias“ – Gott sei Dank. Amen.

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