Weihnachten – Menschwerdung fängt im Kleinen an

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Foto: Jean Burger

Weihnachtspredigt 2022 von Pfr. Stephan Eschenbacher

Liebe Schwestern und Brüder!
Können wir in diesem Jahr eigentlich so richtig Weihnachten feiern? Das ist eine Frage, die so manchen in den letzten Wochen umgetrieben hat. Können/dürfen wir überhaupt Weihnachten feiern, angesichts all der Krisen und dem Durcheinander, das derzeit in dieser Welt herrscht? Entsprechend oft wurde ich in den letzten Tagen gefragt: Sind Sie schon in Weihnachtsstimmung? Kann die überhaupt so richtig aufkommen – heute?

Andererseits: was heißt eigentlich „richtig“ Weihnachten feiern? Was braucht es für eine „richtige“ Weihnachtsstimmung? Schneebedeckte Felder, dass es zuhause heimelig und kuschelig ist, Geschenke, Frieden auf Erden, ein Festessen, Wohlfühlatmosphäre…?

Das „richtige“ Weinachten jedenfalls – damals vor über 2000 Jahren – hatte von all dem nichts, ganz im Gegenteil. All das, was wir heute in dieser Welt erleben, gab es auch schon zur Zeit der Geburt Christi. Die Römer hatte die Heimat Jesu in einem Krieg überfallen und besetzt und pressten die einheimische Bevölkerung aus wie eine Zitrone. Das will die Volkszählung verdeutlichen, denn weshalb wird ein Volk gezählt… natürlich damit es noch mehr Steuer bezahlt. Die Heilige Familie findet in Betlehem partout keine Bleibe, Wohnungsnot also auch hier. Bald müssen sie vor Herodes sogar fliehen, weil er sie umbringen will – wie so viele Menschen heute, die auf der Flucht sind. In der Gesellschaft brodelt es wegen der großen Schere zwischen Arm und Reich, deshalb gab es immer wieder Aufstände. Es gab ganze Bevölkerungsschichten, die waren bitter arm; dazu zählten zum Beispiel die Hirten, die am Rande der Stadt in Höhlen hausten, womit nur allzu deutlich wird, dass sie eigentlich am Rand der Gesellschaft lebten. Wie sollte da Weihnachtsstimmung aufkommen?

Doch sie kam auf, in jener Nacht. Das ist das Wunder von Weihnachten, genau das macht das „richtige“ Weihnachten aus – damals wie heute. Gott kommt in diesem Chaos, in diesem Durcheinander, in all diesen erlebten dunklen Stunden und Zeiten zur Welt. Denn gerade da will Gott uns Menschen besonders nahe sein. Will uns SEIN Licht und SEINE Hoffnung schenken. indem er uns zeigt: Du bist nicht allein; ICH BIN DA – dein Gott – in all dem, wie es auch in dir drinnen und um dich herum aussieht.

Das dagegen, was wir uns als „richtiges“ Weihnachten wünschen, das spiegelt in Wahrheit unsere Sehnsucht wider. Ein „schönes“ Weihnachten bedeutet für uns innere Ruhe (der Schnee ist vielleicht ein Bild dafür), ein wohliges Zuhause mit dem Gefühl von Geborgenheit, schenken können und beschenkt sein (also ein Leben in Fülle), gesättigt zu sein (d.h. nicht ständig getrieben und gehetzt zu sein), Frieden in der Familie und auf Erden, kurz: eine heile Welt. Und auch das hat tatsächlich etwas mit Weihnachten zu tun. Gott braucht keine „heile Welt“ um hier anzukommen, um „DA-ZU-SEIN“; aber das Kind wird uns lehren, wie wir eine „heile Welt“ gestalten können – für uns. Er nennt es Himmelreich, d.h. Jesus ist vom Himmel gekommen, um uns zu zeigen, wie der Himmel auf Erden realisierbar ist.

Mit dem Weihnachtsfest verbindet sich der Begriff der Menschwerdung: Gott ist Mensch geworden und das kann man in zweifacher Hinsicht deuten: Gott ist Mensch geworden, um uns Menschen so nahe zu sein, wie es nur geht. Gott ist aber auch Mensch geworden, um uns zu zeigen, wie wir unseren Sehnsüchten nachgehen können, ja sogar wie sie Wirklichkeit werden: indem wir zu Menschen werden, d.h. endlich menschlich reden und handeln.

Die Lesung asu dem Titusbrief, die wir vorhin gehört haben, hat mich unter den biblischen Texten in diesem Jahr besonders angesprochen: „Die Gnade (d.h. die Liebe) Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten… ER hat sich für uns hingegeben (d.h. ist mit Haut und Haaren Mensch geworden und hat sich unter uns gemischt), damit er ein auserlesenes Volk schaffe, das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun“. Mit anderen Worten: Der Retter der Welt wird aus Liebe Mensch, um uns zu zeigen, dass letztlich nur Liebe und Menschlichkeit die Welt retten kann. Das ist die hoffnungsvolle Botschaft, die an Weihnachten aufleuchtet – „ein Licht, das uns erschien“. Aber leuchtet es uns auch ein?

Ob es jemals „wirklich“ Weihnachten geben wird, so wie wir es uns wünschen? Ich weiß es nicht. Ob wir den großen Lauf der Weltgeschichte ändern können – allein wahrscheinlich eher nicht. Aber jeder und jede kann bei sich anfangen und es jeden Tag ein bisschen mehr versuchen, Mensch zu werden und menschlich zu sein. Denn eines lehrt uns dieses Fest auch: Menschwerdung fängt im Kleinen an.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest.