Weihnachtspredigt von Pfarrer Stephan Eschenbacher

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Haßfurt. Liebe Schwestern und Brüder!
Warum feiern wir eigentlich am 25. Dezember (oder heute am Vorabend) Weihnachten? Der religiös Interessierte wird sehr schnell antworten: Weil an dem Tag Jesus geboren wurde. Stimmt, wir feiern die Geburt Jesu, aber warum gerade heute? In der Bibel finden wir kein Datum vom Geburtstag Jesu, wir wissen noch nicht einmal so genau das Jahr. Wie also kommt man gerade auf diesen Termin?

Der Grund ist ein sehr profaner, ja man möchte fast sagen heidnischer; er hat mit der Geschichte des Christentums zu tun.

So lange die Christen in den ersten Jahrhunderten verfolgt wurden, gab es das Weihnachtsfest noch gar nicht so richtig. Erst als die Verfolgungen aufhörten und man sich öffentlich zum christlichen Glauben bekennen konnte, wollten die Christen auch die Geburt Jesu feiern. Doch zu welchem Termin? Man legte sehr schnell den 25. Dezember fest und das aus 2 Gründen:
– Zum einen ist dieses Datum kurz nach der Wintersonnenwende. Die Nächte werden jetzt wieder kürzer und die Tage länger; es wird heller.
– Zum anderen war der 25. Dezember im ganzen Reich der Tag des Kaiserkultes. An diesem Tag wurde der Kaiser, also der oberste römische Machthaber, gefeiert und bejubelt.

Wir merken dieses Datum 25. Dezember hatte und hat symbolischen Charakter: die Christen sagen: wir glauben nicht an die Sonne aber mit Christus kam Licht in die Welt; und unser eigentliche Herrscher ist nicht der Kaiser, sondern unser Herrscher ist Jesus Christus.

Das wird im Weihnachtsevangelium sogar mit Engelszungen verkündet: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, es ist der Messias, der Herr“, so hieß die frohe Botschaft an die Hirten. „Retter“ und „Herr“, das waren Titel für den Kaiser, die haben die Christen jetzt auf Jesus übertragen.

Und so wurde aus einem heidnischen Fest, ein christliches gemacht. Anstatt einen mächtigen Despoten und Gewaltherrscher in seinem Palast als „Retter“ und „Herrn“ zu feiern, als die aufgehende Sonne, wird genau das von einem Kind in einem ärmlichen Stall gesagt – welch ein Gegensatz.

Und heute? 1700 Jahre später? Ich frage mich, ob wir nicht schleichend dabei sind, genau das wieder umzukehren: aus einem christlichen Fest ein heidnisches zu machen. Und ist das nicht eigentlich nur ein Bild oder ein Ausschnitt von unserer Gesellschaft überhaupt, die immer mehr Wert darauf legt, säkular zu sein? Religion, als Privatsache wird gerade noch geduldet, aber nur ja nicht im öffentlichen Raum?

Wer oder was aber beherrscht uns heute stattdessen? Wer, glauben wir heute, rettet die Welt? Ist es nicht eher Profanes, von dem wir Rettung erhoffen, auf das zumindest viele setzen?
– Unser technischer Fortschritt, die sozialen Medien, in denen jeder anonym den größten Mist loswerden kann, rettet das wirklich die Welt?
– Ein ungezügelter Kapitalismus und ein undurchsichtiges Wirtschaftssystem, das Reiche reich und Arme arm macht und viele ausbeutet – rettet das die Welt?
– Menschen, die uns vormachen einfache Antworten auf komplizierte Zeitumstände zu haben – retten die die Welt?
– Eigeninteressen vor dem Gemeinwohl, Nationalismus, Abschottung, Dichtmachen, Zäune – rettet das die Welt?
– Immer weiter, immer schneller, immer höher, immer perfekter – rettet das die Welt?

Jeder römische Kaiser hätte sich sicher bei vielem von dem die Hände gerieben. Aber der Witz des Weihnachtsfestes ist doch, dass wir als Christen all dem etwas völlig anderes entgegensetzen – nämlich ein Kind und die Botschaft, die dieses Kind als Erwachsener in Wort und Tat verkünden wird.

Ein Kind, das Jesuskind…
– Es steht für Verletzlichkeit, Sanftmut und Mitgefühl
– Es steht auf der Seite der armen und einfachen Leute (Hirten), auf der Seite derer, die abgelehnt und heimatlos sind (Maria und Josef)
– Es steht dafür, erst einmal möglichst vorurteilsfrei auf andere zuzugehen; ein Kind hat keine Vorurteile
– Wo ein Kind auftaucht, da stehen viele zusammen, da entsteht freudige Gemeinschaft
– Ein Kind braucht keine Hektik, keine Perfektion – es braucht viel Zeit, die ihm geschenkt wird.
– Ein Kind steht für Leben und lebendige Beziehung.
– Ein Kind steht in erster Linie für Liebe.

Für all dies steht das Jesuskind, für all dies steht Gott, der heute Mensch geworden ist, ein. Und das rettet die Welt. Das sind die christlichen Werte, die es vielleicht auch wieder neu zu entdecken gilt, so, wie die Hirten und die Könige sich auf den Weg machen, dieses Kind zu finden.

„Die Gnade Gottes ist unsere Rettung“, so hieß es in der Lesung; stellvertretend dafür steht ein Kind, unser Sonnenschein. Nichts anderes rettet die Welt. Davon bin ich überzeugt. Amen.

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